Wer ist Richard Stark?

Fragen Sie ihn selbst:
»Ich bin ein Schriftsteller, der sich als Krimiautor verkleidet hat.«

Interviewer: Was hat Sie zum Krimischreiben gebracht?
Richard Stark: Wenn Ihr Thema das Verbrechen ist, dann wissen Sie zumindest, dass Sie eine richtige Story kriegen. Wenn Ihr Thema das Erwachsenwerden eines Collegestudenten ist, stoßen Sie beim Erzählen vielleicht nie auf eine Geschichte. Wenn es in Ihrer Geschichte aber um einen Collegestudenten geht, der tot im Schlafsaal aufgefunden wird, dann wissen Sie, dass es da irgendwo eine Story gibt.

I: Was hätten Sie wohl gemacht, wenn Sie nicht als Schriftsteller erfolgreich geworden wären?
R.S.: Es schaudert mich, auch nur daran zu denken. Ich habe, soweit mir bekannt ist, keine sonstwie vermarktbaren Fähigkeiten.

I: Ihr Vater wollte, dass Sie Architekt werden. Woher stammt Ihr Geschick im Entwickeln eines Plots?
R.S.: Vermutlich daher, dass sie ad hoc erfunden werden. Ich werde von der Story selbst vorangetrieben. Ich mache kein Exposé, ich plane nicht voraus. Ich bin also mein erster Leser und erzähle mir selbst die Geschichte, während ich sie schreibe. Da ich sie nicht im voraus entwickelt habe, muss ich mir Tag für Tag sicher sein, dass ich einen festen Halt habe, bevor ich den nächsten Schritt tue. Wahrscheinlich würde man kompliziertere Plots entwerfen, wenn man im voraus planen würde.

I: In Ihren Büchern geht es oft um den Unterschied zwischen Profis und Amateuren, besonders in der Parker-Serie. Am Ende von Fragen Sie den Papagei wird das Thema direkt angesprochen.
R.S.: Stimmt. Als ich die erste Serie beendete, stellte ich endlich fest, worum es dabei geht. Es geht um einen Mann, der seinen Job macht. Er ist einfach bloß ein Arbeiter.

I.: Es gibt eine Schule, die behauptet, der amerikanische Kriminalroman sei im wesentlichen ein Genre, in dem es um die Arbeiterklasse geht.
R.S.: Ja, da ist was dran. Bei den englischen Autoren geht es darum, einen Riss im Gewebe der Gesellschaft zu beheben. Bei den Amerikanern geht es darum, dass jemand seinen Job macht – der Polizist genauso wie der Kriminelle oder wer auch immer. Ja, da geht es um die Arbeiterklasse.  Dabei fällt mir ein: Vor Jahren wollte ein Regisseur ein Buch von mir verfilmen und sagte irgendwann zu mir: „Sie schreiben wie ein Franzose.“ Ich frage: „Was soll das heißen?“, und er sagt: „In amerikanischen Krimis raubt der Bankräuber eine Bank aus, um mit dem Geld die Operation für das kleine Mädchen im Rollstuhl zu bezahlen. In französischen Romanen raubt der Bankräuber die Bank aus, weil er Banken ausraubt. Sie schreiben wie ein Franzose.“ „Ja“, sagte ich, „da widerspreche ich nicht.“

I.: Etwas im amerikanischen Krimi entstammt auch dem Western.
R.S.: Einer unserer beständigsten Mythen wurde in Huckleberry Finn zusammengefasst. Unsere Rettung oder das, was wir dafür halten, besteht darin, dass wir immer abhauen können in die große Weite. Das heißt, das stimmt heute natürlich nicht mehr, aber der Glaube, man könnte jeden Moment die Kaffeetasse fallen lassen und verduften, der ist immer noch Teil des amerikanischen Charakters.

I.: Parker ist nach all den Jahren immer noch ein Rätsel. Er kommt nun schon in einer langen Serie vor, und trotzdem kennen wir seinen Vornamen nicht.
R.S.: Er war ja nicht vorgesehen als Serie. Dann schlug ein Lektor vor, ich solle mehr Bücher über ihn schreiben, und danach konnte ich ihm nicht im nachhinein einen Vornamen geben. Hätte ich gewusst, dass er der Hauptprotagonist einer Serie wird, hätte ich zwei Dinge anders gemacht: Erstens hätte ich ihm einen Namen gegeben – irgendeinen, vielleicht Frank –, und ich hätte ihn zweitens nicht Parker  genannt, weil ich in 27 Büchern irgendeine andere Wendung finden musste für den Satz: „Parker parkte den Wagen.“

I.: Was sind Ihre derzeitigen Projekte?
R.S.: Zur Zeit versucht Parker, die Beute von dem Bankraub in Massachusetts, die er zwei Bücher zuvor zurücklassen musste, wiederzubekommen. Und ich sollte mich ihm jetzt besser anschließen.


Das Interview ist eine Kombination zweier Gespräche, geführt von Christopher Bahn (2006) und Paul Kane (2008)

»Richard Stark, der böse Parker und ein Papagei.«
Interview mit Richard Stark auf Welt online.

Foto: © Ulf Andersen