Leseprobe

EINS

Als er sah, dass der Mann, der Harbin hieß, verdrahtet war, sagte Parker: »Gib mir schon mal Karten« und stand auf. Sie waren alle in Anzug und Krawatte zu dieser nächtlichen Verabredung gekommen, Geschäftsreisende, die zur Entspannung ein bisschen Seven Card Stud spielten. Harbin, ein nervöser Typ, der das gestärkte weiße Hemd nicht gewöhnt war, zuckte und zappelte immerzu herum oder beugte sich vor, um einen Blick auf seine Karten zu werfen, und schließlich sah Parker, der um neunzig Grad versetzt links von ihm saß, in der Lücke zwischen den Knöpfen den Lichtreflex auf dem durchsichtigen Klebeband, mit dem das Kabel befestigt war.


Während er um den Tisch herumging, löste Parker seine Krawatte – dunkelblau mit dünnen goldenen Streifen –, nahm sie doppelt und warf sie Harbin über den Kopf. Er zog die beiden Enden durch die Schlaufe und ruckte mit der Rechten kräftig nach hinten, während sein Körper sowohl Harbin als auch den Stuhl, auf dem er saß, gegen den Tisch drückte und er mit der Linken nach vorn langte, um Harbin das Hemd aufzureißen. Die anderen fünf am Tisch, die gerade sprechen, sich bewegen oder auf das reagieren wollten, was Parker da tat, hielten inne, als sie das an Harbins blasse Brust geklebte Kabel, den Rand des an seine Taille geklebten schwarzen Metallkästchens sahen. Parker drückte Harbin nieder, klemmte ihn am Tisch fest, zog nun mit beiden Händen an der Krawatte, die er zugleich verdrillte. Harbins auf dem Schoß eingezwängte Hände schlugen einen Trommelwirbel gegen die Unterseite des Tisches. Die Arme aufgestützt, hielten die anderen Spieler den Tisch fest und sahen McWhitney an – roter Bart, rotes Gesicht –, der Harbin mitgebracht hatte. McWhitney ließ mit ernster Miene den Blick von Gesicht zu Gesicht wandern und schüttelte den Kopf; er hatte keine Ahnung gehabt.

»Ich glaube, ich bin mit Geben dran«, sagte Dalesia so ruhig wie zuvor und mischte eine Zeitlang die Karten, während die anderen Harbin und Parker beobachteten. Dalesia teilte, sämtliche Karten verdeckt, vor sich aus und sagte: »König.«
»Passe«, sagte Mott.
Es war Stratton, der dieses Hotelzimmer in Cincinnati gemietet hatte. Er zeigte auf McWhitney, zeigte auf Harbin, machte eine Geste mit dem Daumen, wie ein Schiedsrichter, der einen Spieler vom Platz schickt. McWhitney nickte, erhob sich leise und achtete darauf, dass die Stuhlbeine nicht am Boden scharrten. Mott und Fletcher saßen zu beiden Seiten von Harbin; nun hielten sie ihn aufrecht, während Parker seine Krawatte aus der neuen, tiefen Falte in Harbins Hals pflückte. »Diese Karten sind tot«, sagte Mott, und Fletcher schälte das Klebeband von Harbins Brust und löste das Antennenkabel und den Sender. Im Stehen bedachte McWhitney die Anwesenden mit einem übertriebenen Achselzucken, einer Kombination aus Entschuldigung und Unschuldsbekundung, dann kam er um den Tisch herum und hob Harbin vorgebeugt im Schulter tragegriff hoch, so dass dessen Unterarme um seinen Hals baumelten.

»Setze zwei«, sagte Parker, der an seinen Platz am Tisch zurückkehrte. Fletcher hielt den Sender und die Antenne, während Mott ein Polster von dem Sofa an der Wand holte und es auf den Stuhl stellte, auf dem Harbin gesessen hatte. Fletcher legte den Sender auf das Polster, und sie setzten sich alle und machten Bemerkungen zu dem Spiel, das sie nicht spielten, außer Stratton, der ins Nebenzimmer ging, wo seine Sachen waren.

McWhitney trug Harbin zur Zimmertür, warf einen Blick nach draußen und ging, die Leiche über der Schulter, hinaus. Um zwanzig nach eins an einem Werktagsmorgen herrschte da draußen wahrscheinlich nicht viel Verkehr. Sie setzten ihr Nichtspiel fort, redeten davon, wie kalt die Karten seien und ob sie nicht vielleicht bald Schluss machen sollten. Sie waren noch nicht lange in dem Zimmer zusammengewesen, als Parker seine Entdeckung gemacht hatte, und hatten daher noch nicht angefangen, über irgend etwas zu reden, was die Wanze nicht wissen durfte. Sie waren einander größtenteils fremd und hätten noch eine Weile miteinander warm werden müssen, ehe sie sich ernsthaft hätten unterhalten können.

Stratton kam fünf Minuten später mit einem Koffer aus dem anderen Zimmer zurück. Er nahm seinen früheren Platz wieder ein und sagte: »Gib mir Karten.« Die anderen redeten davon, zeitig Feierabend zu machen, die Karten seien nicht interessant, man solle es ein andermal wieder probieren. Fletcher, stellte sich heraus, konnte mit seinem ganz ähnlichen Timbre Harbin einigermaßen nachahmen und sagte: »Geht ihr ruhig schon vor, ich räume hier noch ein bisschen auf.«
»Danke, Harbin«, sagte Stratton, und im Hinausgehen sagten alle »Bis dann, Harbin« zu dem Sender auf dem Sofapolster.

ZWEI

Parker, Dalesia, Fletcher, Mott und Stratton nahmen zusammen den Fahrstuhl nach unten. Mott sagte: »Wen von uns haben sie im Visier, was meint ihr?« »Hoffentlich nicht mich«, sagte Stratton. »Ich habe das Zimmer gemietet. Nicht unter meinem Namen, aber …« Parker sagte: »Höchstwahrscheinlich McWhitney, der hat ihn mitgebracht.« »Vielleicht auch niemand Bestimmten«, sagte Fletcher. »Sie schmücken ihn wie einen Weihnachtsbaum und schicken ihn los, damit er ihnen noch einen fängt, weil sie ihn ja schon haben.«
»Hört sich einleuchtend an«, sagte Stratton. »Die drehen gern Leute um. Zack, hab ich dich, jetzt bist du auf meiner Seite, dreh noch ein paar von deinen Freunden um.« »Die sind wie Vampire«, sagte Fletcher, »die neue Vampire schaffen.«

Die Tür zur Eingangshalle öffnete sich, und sie traten in einen großen Raum, der bis auf eine junge Frau in grünem Blazer hinter dem Empfangsschalter menschenleer war. Fletcher und Mutt waren gemeinsam gekommen und gingen auch gemeinsam. Die anderen drei waren allein gekommen. »Bis dann«, sagte Stratton und ging. Parker schickte sich ebenfalls zum Gehen an, doch Nick Dalesia sagte: »Hast du noch einen Moment Zeit?«
Dalesia, ein dünner Mann mit verkrampften Schultern, war derjenige, der Parker hierher eingeladen hatte, und der einzige Anwesende, den er vorher gekannt hatte, allerdings nicht sehr gut. »Ja«, sagte Parker. »Suchen wir uns eine Bar.« An einem Tisch in einer spärlich besuchten Bar, deren wenige andere Gäste entweder gemischte Paare oder männliche Individuen waren, sagte Dalesia: »Das bedeutet, ich bin immer noch arbeitslos.«
»Ja«, sagte Parker. »Und du auch.«
Parker zuckte die Achseln. Dalesia sagte: »Ich bin hergekommen, weil die einzige andere Sache, die vielleicht für mich in Frage käme, ein bisschen dubios und eher zweite Wahl ist. Aber jetzt sehe ich sie mir vielleicht doch mal näher an, und vielleicht möchtest du auch mal ein Auge drauf werfen. Immer gut, jemand dabeizuhaben, mit dem man schon mal was gemacht hat.« »Viel war’s nicht«, sagte Parker.

Nick Dalesia war als Fahrer bei einem Job dabeigewesen, den Parker vor ein paar Jahren erledigt hatte, und aufgetan hatte ihn ein Typ namens Tom Hurley, den Parker besser gekannt hatte. Aber Hurley hatte sich damals in den Arm schießen lassen, hatte sich nie ganz davon erholt und sich irgendwo im Ausland, vielleicht in der Karibik, zur Ruhe gesetzt. Dalesia hatte seine Sache damals gut gemacht, aber Parker hatte ihn nicht wiedergetroffen, bis Dalesias Anruf sie beide hierhergeführt hatte. »Ein bisschen was reicht schon«, sagte Dalesia, »wenn man das Gefühl hat, man kann einem vertrauen. Die Sache mit dem Gold ist gestorben, denke ich.« Er sprach von Strattons Coup, über den sie nicht mehr hatten reden können: einer Lieferung Zahngold. »Für mich ist sie das auf jeden Fall«, sagte Parker. »Worum geht es bei der anderen Sache?« »Um eine Bank«, sagte Dalesia, »im Westen von Massachusetts.«

Parker schüttelte den Kopf. »Eine Kleinstadtbank? Da ist nicht viel zu holen.« »Nein«, erklärte Dalesia, »es geht da um eine Verlegung von Vermögen. Zwei lokale Banken haben fusioniert, oder eine hat die andere gekauft, deswegen schließen sie jetzt eine von den Zentralen, und deswegen machen sie einen Tresorraum leer.« »Scharfe Sicherheitsmaßnahmen«, sagte Parker. »Richtig.«
Parker blickte stirnrunzelnd in Richtung Tresen. »Die Sache ist deshalb dubios«, sagte er, »weil ein Insider mit von der Partie ist.«
»Wieder richtig.«
»Du weißt ja«, sagte Parker, »normalerweise ist der Amateur, der Insider, der Grund dafür, dass eine an sich gute Sache in die Hose geht.« »Die machen das so«, sagte Dalesia, »dass sie das in einer Nacht durchziehen, vier gepanzerte Wagen, State Police, private Sicherheitsfirma. Da transportieren sie alles, die Bankunterlagen, die Wertpapiere, das Bargeld. Und Mrs. Inside verrät uns nicht nur, in welcher Nacht das stattfindet, sondern auch, in welchem Wagen das Geld ist.« »Mrs. Inside?«
»Die Frau des Bankdirektors, dessen Laden geschluckt wird«, sagte Dalesia. »Frag mich nicht, was für ein Problem sie hat. Die Sache ist die, kein Mensch kann vier gepanzerte Wagen in einem Konvoi ausschalten, und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man den richtigen erwischt? Aber wenn man den richtigen kennt, kann man ihn aller Wahrscheinlichkeit nach auch herauspicken.« »Und wenn das passiert«, sagte Parker, »wissen sie nicht nur, dass es einen Insider gegeben hat, sondern ziemlich bald auch, wer das ist.«
»Aber Mrs. Inside kann sie nicht zu uns führen«, sagte Dalesia, »weil sie uns nicht kennt. Sie kennt nur einen Typ, der mal als Sicherheitsmann für die Bank gearbeitet hat, Chefsämtlicher Wachen oder so was – hat ein bisschen zu oft lange Finger gemacht und dafür gesessen. Das hat ihn auf unsere Seite gebracht, und er hat bei ein paar Dingern mitgemischt. Ich habe ihn kennengelernt, Jake Beckham. Sagt dir das was?«
»Nie von ihm gehört.«
»Gut, dann bist du sogar noch weiter weg. Die Frau ist zu Beckham gegangen, hat ihm gegen einen Anteil den Job angeboten, er ist zu mir gekommen, und ich habe genau das gleiche Gesicht gemacht wie du jetzt. Aber Strattons Goldmine fällt flach, deswegen denke ich, ich rufe Beckham an, mal sehen, ob alles noch so ist wie gehabt. Willst du wissen, was er sagt?« »Zuhören kann ich immer«, sagte Parker.

Cover Keiner rennt für immer

Richard Stark
Keiner rennt für immer
Roman
Übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
288 Seiten
ISBN: 978-3-552-05463-9
EUR 17,40 (A) - EUR 16,90 (D)