EINS
Als der Hubschrauber nach Norden abdrehte und hinter der Hügelkuppe verschwand, trat Parker unter dem Baum hervor, wo er gewartet hatte, und stieg weiter bergauf. Was immer auf der anderen Seite dieses Hügels sein mochte, war auf jeden Fall besser als die Hunde, die im Talgrund hinter ihm bellten, unruhig herumrannten, an ihren Leinen zerrten, seinen Geruch aufnahmen und den Berg hinaufwollten. Er konnte den Fuß des Hügels mit den Polizeiwagen, die rings um den gemieteten Dodge, den er an dem Schnellimbiss stehengelassen hatte, nicht mehr sehen, aber das brauchte er auch nicht. Das aufgeregte Jaulen der Hunde reichte vollkommen. Wie hoch war dieser Hügel? Parker war nicht für eine Wanderung an einem Oktobermittag in bergigem Gelände gekleidet; seine Straßenschuhe rutschten auf dem Laub, und sein Jackett bauschte sich, als er sich von Baumstamm zu Baumstamm nach oben hangelte. Doch er musste den Vorsprung vor den Hunden halten und darauf hoffen, dass er, wenn es irgendwann endlich wieder bergab ging, ein gutes Versteck oder irgend etwas Brauchbares fand. Wie weit noch bis zum Gipfel? Er hielt, an die rauhe Borke eines Baums gelehnt, inne und hob den Blick, und fünf Meter über ihm stand zwischen den dünnen Stämmen der nachwachsenden Bäume ein Mann. Die Nachmittagssonne hing links von Parker, der Himmel hinter dem Mann ein blasses Oktobergrau, der Mann selbst nur eine Silhouette. Mit einem Gewehr.
Kein Bulle. Allein. Ein Mann, der da stand, auf Parker hinunterblickte, dieselben Hunde hörte wie Parker und das Gewehr entspannt und schräg nach oben gerichtet vor der Brust hielt. Parker senkte den Blick wieder, griff nach dem nächsten Baum und zog sich hinauf. Es dauerte drei, vier Minuten, bis er auf gleicher Höhe mit dem Mann war. Der trat einen Schritt zurück und sagte: »Das reicht. Genau da.« »Ich muss weiter«, sagte Parker, blieb aber stehen und wünschte, seine Schuhe gäben ihm auf dem dürren Laub einen besseren Halt. Der Mann sagte: »Sind Sie einer von diesen Bankräubern, von denen ich im Fernsehen gehört hab? Die drüben in Massachusetts die Bank leergeräumt haben?« Parker sagte nichts. Wenn das Gewehr sich bewegte, würde er reagieren müssen. Der Mann musterte ihn, und ein paar Sekunden lang betrachteten sie einander. Der Mann war etwa fünfzig und trug eine rote Jagdjacke aus Leder mit vielen Taschen, ausgebleichte Blue Jeans und schwarze Stiefel. Der Schirm einer rot-schwarzen Flanellmütze beschattete die Augen. Neben ihm lag ein grauer, halbgefüllter Segeltuchsack mit braunen Ledergriffen. Bei näherem Hinsehen erkannte man eine Anspannung in dem Mann, die ein Teil von ihm zu sein schien und nicht daher stammte, dass er im Wald einem Mann auf der Flucht begegnet war. Seine Hände umklammerten das Gewehr, und in seinen Augen war eine Bitterkeit, als hätte ihn einmal irgend etwas verletzt und als wäre er entschlossen, so etwas nicht noch einmal hinzunehmen.
Er schüttelte den Kopf und zog, ungeduldig angesichts des Schweigens, die Mundwinkel nach unten. »Ich frage nur«, sagte er, »weil ich, als ich Sie und dann die Hunde gehört hab, gedacht habe, wenn Sie einer von denen sind, will ich mit Ihnen reden.« Er zuckte zutiefst pessimistisch die Schultern. »Wenn nicht, können Sie hier stehenbleiben und die Hunde streicheln.«
»Ich hab’s nicht dabei«, sagte Parker.
Überrascht sagte der Mann: »Nein, wohl kaum. War ja auch ’ne Lastwagenladung Geld, nicht?«
»So ungefähr.«
Der Mann sah den Hügel hinunter. Die Hunde waren noch nicht in Sicht, aber man konnte sie hören, immer wilder und aufgeregter, nur zurückgehalten durch die Unbeholfenheit ihrer Führer, die sich bergauf mühten. »Heute könnte Ihr Glückstag sein«, sagte er, »und meiner auch.« Wieder eine verdrießliche Miene. »Ich könnte mal einen gebrauchen.« Er bückte sich, hob den Segeltuchsack auf und sagte: »Ich hab mir was für den Kochtopf geschossen. Mein Wagen steht dahinten.« Parker folgte ihm das kurze Stück bis zum Hügelrücken, wo der Wald sich lichtete. In einer kleinen Baumgruppe stand auf einem kaum sichtbaren Weg ein schwarzer Ford-Geländewagen. »’n alter Forstweg«, sagte der Mann, öffnete die Hecktür des Wagens und legte den Sack und das Gewehr hinein. »Ist besser, wenn Sie vorn sitzen.«
»Klar.«
Parker setzte sich auf den Beifahrersitz, während der Mann von der anderen Seite einstieg. Der Schlüssel steckte im Zündschloss. Er startete den Wagen und fuhr den bewaldeten Nordhang auf einem Weg hinunter, der meist nur daran zu erkennen war, dass dort keine Bäume standen. Ohne die Augen von dem Weg zu nehmen, der sich vor ihnen den Hügel hinunterwand, sagte der Mann: »Ich bin Tom Lindahl. Und wie soll ich Sie nennen?«
»Ed«, beschloss Parker.
»Haben Sie irgendwelche Waffen dabei, Ed?«
»Nein.«
»Die haben hier überall Straßensperren errichtet.«
»Ich weiß.«
»Ich meine, wenn Sie glauben, Sie könnten mir eins überziehen und mir den Wagen klauen, wäre Ihre Fahrt nach zehn Minuten zu Ende.«
»Können Sie die Straßensperren umgehen?« fragte Parker.
»Bis zu mir sind’s bloß ein paar Kilometer«, sagte Lindahl.
»Wir werden keinem begegnen. Ich kenne mich hier aus.«
»Gut.«
Parker blickte an Lindahls verdrießlichem Gesicht vorbei nach links. Zwischen den Bäumen konnte er jetzt unterhalb von ihnen eine zweispurige asphaltierte Straße sehen, die parallel zu dem Forstweg verlief. Dort unten fuhr ein roter Pick-up, allerdings in die andere Richtung, nämlich bergauf. Parker sagte: »Können die uns von da unten sehen?«
»Spielt keine Rolle.«
»Die mit den Hunden werden in fünf Minuten auf dem Kamm sein«, sagte Parker.
»Wenn sie den Weg sehen, werden sie sich zusammenreimen, dass ich mit einem Wagen weggefahren bin.«
»Wir sind bald da«, sagte Lindahl und lachte unvermittelt.
Es war ein rostiges Geräusch, als würde er sonst nicht oft lachen.
»Wegen Ihnen bin ich überhaupt hier rausgefahren«, sagte er.
»Ach ja?«
»Im Fernsehen reden sie bloß noch von diesem Bankraub, von dem ganzen Geld, das weg ist – ich hab’s nicht mehr ausgehalten. Ich dachte: Diese Burschen lassen sich nicht herumschubsen.Diese Burschen haben keine Angst vor ihrem eigenen Schatten, die gehen hin und erledigen, was erledigt werden muss. Ich hatte eine solche Wut auf mich selbst – ich bin ein Feigling, das sag ich Ihnen lieber gleich –, dass ich einfach das Gewehr nehmen und hier rausfahren musste. Die beiden Kaninchen dahinten kamen mir weiß Gott gelegen, aber wirklich gebraucht hab ich sie im Moment eigentlich nicht. Ich bin wegen Ihnen hier rausgefahren.« Parker betrachtete sein Profil. Wenn er sprach, machte Lindahl einen etwas weniger verbitterten Eindruck. Was immer an ihm nagte, tat offenbar mehr weh, wenn er es für sich behielt. Lindahl warf ihm einen kurzen Blick zu. Sein Gesichtsausdruck war jetzt beinahe fröhlich. »Und da sind Sie«, sagte er. »Und aus der Nähe, muss ich sagen, sehen Sie nicht gerade aus wie einer, der viel auf der Pfanne hat.« Er lenkte nach links ein steiles Gefälle hinunter, an dessen Ende der Weg in die Straße mündete.
Hörprobe
Frank Glaubrecht, die Stimme von Pierce Brosnan, hat die Hörprobe zu »Fragen Sie den Papagei« gelesen. Die Hörprobe ist im Podcast der Krimi-Couch erschienen.
Zur Hörprobe (mp3-Datei, 5,2 MB)

